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„Wo der Kirschbaum blüht..." Vortrag von Michael Stoll (mit anschliessendem Tageskurs) gehalten in Ravensburg, Bildungswerk, Allmandstraße 10, am Freitag, den 24.02.2012 um 20.00 Uhr
I. Wir hören, wir lauschen, wir konzentrieren, wir erkennen... Und wir hören einen Zaunkönig und sein signalgebendes Tönen am Morgen, im Ausgang des Winters - . Das Vorbeifahren der Autos wird zur Hintergrunds-Kulisse. Wesentlich wird der Ton des Vogels, ich nehme ihn auf, ich nehme ihn wahr. Und da bist Du und lässt in Dir Raum. Und doch geschieht erst einmal NICHTS; Du bemerkst die Unruhe, dein Drang des Et-was-tun-zu-müssen, das Ablenkungs-Fieber; diese Blockade NICHTS zu haben, NICHTS zu fühlen; NICHTS. Und der Vogel singt immer noch. Was sagt er Dir? Du schaltest den PC an und gibst in der Suchmaske des Browsers ein: „Frühlingsgesang der Vögel": Der Gesang des Zaunkönigs ist im Verhältnis zu der geringen Größe des Vogels unglaublich durchdringend; doch da er in der Regel ein Revier von etwa einem Hektar Größe beansprucht, muss er sich ja im Wettbewerb mit den zahlreichen Liedern anderer, in dichten Wäldern lebender Vögel Gehör verschaffen. Der Gesang wird unermüdlich fortgesetzt, damit er ankommt. Deshalb wiederholen die Vögel ihre Strophen Hunderte von Malen am Tag. Zahlreiche Arten, etwa die Misteldrossel, wählen Singwarten hoch in einem Baum, damit ihre Lieder das größtmögliche Gebiet erfassen. Sing-Flüge sind besonders charakteristisch für Vögel, die auf dem Boden leben, wie die im offenen, baumlosen Gelände brütenden Lerchen und Pieper. --- Natürlicherweise ist die zunehmende Tageslänge im Frühjahr der Auslöser für die Vergrößerung der Hoden männlicher Singvögel. Die daraus folgenden Hormonschübe bringen das Männchen dazu, sein Revier zu markieren und lauthals um ein Weibchen zu werben. Untersuchungen an Vögeln in Städten und angrenzenden Wäldern haben ergeben, dass Vögel, die einer künstlichen Lichtquelle ausgesetzt sind, früher zu singen anfangen als ihre Artgenossen im dunkleren Wald. Auch die bessere Nahrungsversorgung von Vögeln in Städten - etwa durch Zufütterung des Menschen - verschafft in Städten überwinternden Vögeln einen Vorteil. Zunehmender Vogelgesang im Winter ist in Städten also der menschlichen Beeinflussung zuzurechnen und keineswegs Anzeichen eines zeitigen Frühlingsbeginns. Ich schalte den Computer aus und fühle mich mit einem Mal sehr müde; rücklings lege ich mich auf die Couch, verschränke die Hände unter meinem Kopf und schließe die Augen. Da sehe ich das Bild eines Kindes, welches in seinen kleinen Händen einen roten Stift trägt und mit gepressten Lippen und offen und staunend auf einem weißen Blatt Linien fährt und malt und malt und alles Andere und Um-sich-befindliche vergisst. Und genauso mache ich es - lege ein Blatt Papier vor mich hin, hole einen roten Wachsstift und fahre langsam Linien, Linien um Linien, bis das Blatt gefüllt ist und eine Ordnung entstanden ist - noch nicht ein Zuviel da ist, aber auch kein Zuwenig. Ich lege das Blatt zur Seite.
II. Da ist das Zeichen, die Linie die Form, die ich dem Blatt gegeben habe. Als Kind war es nur die Bewegung der Hand, da war es nur die Farbe und die Fläche, die aus mir strömte und die als Antwort meines inneren Blicks mich aufforderte weiter-zu-schaffen. Wie wohlig ist es jedem Menschen, wenn er dieses befriedigende Gefühl eines Tätig sein erhält, welches aus und mit Ihm sich ergibt. Der innere Antrieb bleibt verborgen, aber im stimmigen Tun eröffnet und offenbart sich eine Welt voll möglichen Frieden, der Schönheit und Kraft. Doch zurück zu unserem Singvogel, dem Zaunkönig, welchen an jenem Frühlingsmorgen dem inneren Blick und Lauschen anbot, wahrgenommen zu werden, wir ihn aus der Unzahl an Möglichkeit zu s e h e n und zu h ö r e n auf irgendeine Art und Weise als bemerkenswert erkannten und er uns eingeladen hat, dass wir uns mit ihm beschäftigen. Der rasche Einblick in das Wissensreservoir im Internet war für den Ruf unserer tieferen Ein-Gestimmtheit nicht ergiebig. Bei unserer zufälligen Auswahl der Schriften fehlte der verwandtschaftliche Ton, fehlte ein freundschaftlicher Zugang, eine sich ähnelnde Spur des inneren Antriebs, Tons, was im höchsten Sinne der Beziehung Weggefährt-innen-schaft der Seele heißen kann. So war eigentlich der Gesang des Vogels in diesem Fall ein Anpochen , ein Appell und eine Form uns tiefer und tiefer mit unserem HERZ einzulassen, ruhig zu werden und uns auf den Weg zu machen, diesen Frühlingsgesang und seine Quelle in uns zu entdecken und nicht über den Zaunkönig im äußerlichen Sinne informiert zu werden. Das Bild des Kindes, welches bei unserem kurzen zur-Ruhe-kommen auftauchte, welches mit dem roten Stift tief versunken etwas malte war vielleicht ein Moment, ein Hinweis zu diesem tieferen und so auch fruchtbareren Verständnis zu gelangen.
III. Indem ich mich konzentriere und das Andere, das Umliegende ein wenig in den Hintergrund gelangen lasse, bewege ich mich selber dem Zentrum zu. Heinrich Seuse sprach bei diesem Prozess von einem notwendigen ENT-BILDEN, d.h. ich muss für eine gewisse Zeit meine reflexartig aufsteigenden Bedürfnislandschaften erkennen und sie loslassen können, d.h. Askese im besten Sinne betreiben - eine neue Tiefenwirkung des Empfindens erlangen, indem ich bewusst auf eine Form der Vielzahl in machen Zeiten und Räumen zu verzichten vermag. Das Kind am Tisch mit seinem Malstift ist begeistert und in seinem Tun, da es seine Zentriertheit noch zu besitzen scheint, im die-Mitte-aller-Mitten noch geschenkt ist. Entwachsen, und vertreiben von solch paradiesischen Zustand habe ich mir zu helfen und dies geschieht über bewussten Verzicht, der aber eine erfüllende Idee, eine geistige Ausrichtung, ein inneres Bild meiner Sehnsuche bedarf, um frei empfunden und tapfer eingegangen werden zu können.
IV. Bei unserem Thema Schreiben, oder zur eigenen Sprache kommen kann es bedeuten, dass ich mir helfe die bestehende Schreibblockade, d.h. den Widerstand alt-hergebrachter, übernommener und erstarrter Form in der ich existiere zu überwinden, indem ich mich dazu verpflichte, mich jeden Tag an den Tisch zu setzen, mein leeres Buch aufzuschlagen und einfach anfange zu schreiben, oder einfach zu ertragen, dass ich nichts schreiben kann, dass ich wort-trocken bin, dass mir die Fülle des möglichen Lebens, des Logos nicht zu Verfügung steht, um die Form erneut zu setzen und ich das Leiden daran ertrage, bis schließlich die Kraft sich ihren Weg und ihren Bann gebrochen hat.. Konzentration und gleichzeitig Hingabe an das Eröffnende habe ich also wieder zu erlangen, um den Gesang des Vogels in all seiner Weite und Klarheit und Zeichenhaftigkeit wahrzunehmen und mit ihm den Aufschluss all der Bedeutungsfülle, die mir geschenkt werden will. Dieser Frühlingsgesang des Vogels lässt mich assoziieren - mit Grundbegriffen ins Spiel kommen. Und hier taucht der Begriff Sehnsucht auf. -- Doch irgendwie schmeckt mir dieser Begriff nicht, da er mich von mir wegzuziehen scheint. Ich ersehne etwas, sehe Etwas, was mich von mir wegzieht. Andererseits steckt so Etwas wie DAS GELOBTE LAND darin, d.h. ein Ort, welcher größere Erfülltheit trägt. Nun mache ich es wie Odysseus und binde mich an den Mast des Schiffes fest und fahre so ungefährdet an der Insel der Sirenen vorbei, ohne mich von ihrem verführerischen Gesang von meinem Kurs abbringen zu lassen. Also schaffe ich mir ein Arbeitsprogramm als angehender Schreiber, Worter oder Sehnsuchtsträger.
V. Und so werde ich jeden Tag zwei Mal je mindestens eine halbe Stunde an meinen Schreibtisch gehen und beginne Motive zu sammeln, die für mich Schreibanlass sein könnten, um mich auf den mühevollen Weg zu machen, ebenso wie der kleine Junge mit seinem roten Stift nun aber bewusst und erweitet über Sätze und Begriffe die ganze Welt in meine Zeichen, mein Malen hineinnehmen zu können. Ist es für mich nahliegend im Tagebuch Stil einzutragen, was mich heute geärgert hat, was mich freute, was ich heute für Begegnungen hatte, was meine Arbeit besonders geprägt hat? Oder nehme ich ein altes Kleidungsstück und erinnere mich an Augenblicke, bei denen ich diese Kleidung trug und erzähle eine Episode? Vielleicht ist es mir auch möglich, jetzt, im Augenblick zu sagen, auszudrücken, was mein wesentlicher Gedanke momentan ist, was mich gerade zentral bewegt. Oder aber ich schreibe einen Brief, ob fiktiv oder wirklich an einen anderen Menschen, an ein Du gerichtet ...
VI. Und so versuche ich zwei Wochen mich von der mich überwuchernden Alltagbeschäftigung zu lösen, und schenke mir und dem weißen Blatt eine Stunde am Tag. Was geschieht während dieses zweiwöchigen Abenteuers der ENT-BILDUNG mit mir und dem Weg der Annäherung an das tiefere Verständnis des Gesangs des Zaunkönigs in mir? Das bleibt einem jeden sein Geheimnis. Vielleicht werde ich zum Vielschreiber und mit der lebendigen Fülle, die mehr und mehr der innere Strom eröffnet, wandelt sich mein Verständnis und mein Wert gegenüber der Welt, die sich außer mir ergibt. Ich entdecke, dass ein jedes Ding darauf wartet, in seiner Wahrheit, seinem Wesen erkannt zu werden und entdecke und entscheide, dass manches auf meinen Altar gehört und weiter gepflegt und vertieft sein will, da es mir wesentlich, d.h. mir verwandt auf gegebenen Weg und Hilfe ist. Und dem wesentlichen und begeisterten Ringen des anderen Menschen mit seiner Bedeutungsgabe, der auf seinem Weg, seiner Sehnsucht ist - ich lasse ihm Raum und Weite für sich, nur für sich, denn und doch unsere Ziele werden Weg zu Wegs immer näher, denn das Wesen aller Wesen liegt in solcher Annäherung über den Zug des in Freiheit Gewollten.
VII. Der Umgang mit der Sprache, mit den äußeren Sprachzeichen ist genau und klar und dennoch nur Ausdruck einer Bewegung, die immer umfassender und vielschichtiger und vollkommener ist, als unser Bemühen sie je adäquat zum Ausdruck bringen könnte. Doch da haben wir die Qualität der musikalischen Stimmung in der Sprache und die Vielschichtigkeit an Bedeutungen, die das einzelne Wort zu tragen vermag. Der anfänglich sprechende Mensch war singender Dichter, dessen Sprache war Gottesdienst und reiner Überfluss. Und dieser reine Überfluss ist verlorengegangen und die Sprache wurde der Zweck- und Nützlichkeitswelt übergeben. Und mit den veräußerlichten Bedürfniswelten und der Dienstbarkeitsschaffung der Sprache gemäß der äußeren Welt wurde sie sich selber äußerlich und verlor ihre innere Deutungsoffenheit und Fülle.
VIII. Um den Gesang des Vogels wieder als inneren Gesang zu vernehmen, sollen wir nicht radikal den reduziert informellen Zweckdienst der Sprache verweigern - sonst würden wir der Wirrsprachlichkeit verlächelt und verlören, allein lichtwärts gewandt, den gegenwärtigen Kontakt des Sozialen - aber um zum Glück und zum Reichtum und zur transzendierenden Dimension dessen vorzustoßen, die eigentlich das Wort ist, gilt es aufzubrechen, loszuziehen und das Abenteuer mit der Fülle des Wort hin zum blühenden Kirschbaum anzunehmen:
Es steht ein Kirschbaum in Blüte und zeigt die weißen Blütenblätter. Der Kirschbaum steht dort auf dem grünen Platz und erzählt jeden Augenblick so viel. Der Kirschbaum steht und der Mensch wird ihm gleich und weiß von den Kirschen und weiß von der Rinde und weiß von der Sonne und weiß von dem Regen und weiß vom Frühjahr und weiß von dem Gras und weiß von dem Schatten und weiß...
(Mergat, M. Stoll 1988) |
