ESSENZEN_Rot von Michael Stoll  

(aus dem Vorwort)

Als Frucht jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit dem Sprachgeheimnis des menschlichen Wortes - als seine raumzeitliche Spiegelung, sowohl des inneren geistigen, wie des äußeren, gestalthaften Wirklichkeitsbereichs - reifte das dichterische Werk von Michael Stoll zu einem Ausdruck einzigartiger Form heran. Aktuell findet es seinen Niederschlag in der Veröffentlichungsreihe der „Essenzen“. Der Leser wird zur Wegbegleitung der jährlich erscheinenden Resonanzereignisse des Dichters eingeladen. Der Interessierte bekommt die Möglichkeit sich hineinnehmen zu lassen in die subtile Wahrnehmung unterschiedlichster Augenblickereignisse, – aus einer Position höchster Ruhe und konzentrierter Vergegenwärtigung. Das zeichenreiche, abstrakt-philosophische Werk der „Essenzen“ vermittelt dem Leser kaleidoskopartig Wortbilder die ihre Kraft aus einer befreiten, unverbauten Natürlichkeit schöpfen. Darin reflektieren sie die vielfältigen, ganz eigentümlichen Einflusssphären des Künstlers: Das sensible Schauen auf die Außenräume des eigenen Lebenskreises, dem skurrilen Spielfeld von Gesellschaft und Schicksal, die Faszination der Natur...; Schließlich, die unterschwellige Frage nach dem letzten Sinn, - und in zarten Untertönen die mögliche Antwort des Dichters darauf. Das aufmerksame Hinhören in den Innenraum eigen Erlebtes; Erfahrung von Stärke und Zerbrechlichkeit, von Ergreifenwollen und Loslassenmüssen, von gewonnenem Glück und verlorenen Kämpfen, von Zersplitterung altvertrauter Welten  zieht sich wie ein roter Faden durch eine Wortgestaltung, die wie kaum eine andere aus der Unmittelbarkeit des Lebens fließt. Der Autor offenbart sich darin als einen Suchender nach einer geahnten, ersehnten, aber noch nicht völlig erreichten Seinshaltung; seine Texte transportieren die Sehnsucht nach einer neuen, umfassenden Erfüllung und stellen sich so als (Zeugnis-)Akt einer ganz persönlichen Suche und ihrer Sequenzen dar. Die natürliche Abstraktion der Dichtungen – und nichts anderes als Dichtung im ehrlichsten Sinne wollen die „Essenzen“ sein, deckt sich oft mit der Symbolsprache archetypischer Bilder. Naturstimmungen, Atmosphäre schaffende vertraute Formen werden zitiert, ohne dass der Leser sich an allzu Konkretem, Gekanntem, festhalten kann. Jeder Versuch, es sich in den Texten gemütlich zu machen, entgleitet an seiner Subtilität, seinem Fluss und provozierenden Kryptik; es ist das 'Gewand', in dem die Dichtung in einer transformierten, neuen mythologischen Gewandtheit an den Leser herantritt. Michael Stoll spielt in seiner Dichtung bewusst wie intuitiv mit archetypischen Sprachausdrücken, Wortstimmungen, Wort-Symbolen, - mit Impressionen und Streiflichtern, die immer wieder um- und wegzukippen drohen, und ganz unvorhergesehene Metamorphosen durchlaufen. Der Dichter führt den Leser so über seine Lese- und Hörgewohnheiten hinaus, um ihn in die Stimmung und Gedanken der „Essenzen“ einschwingen zu lassen und ihm unerwartete Wahrnehmungs- und Verstehensräume zu öffnen. 

Jürgen Knobel, Eremitage St. Bernhard in Lindow / Bistum Berlin

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