Blütenregenereignis 6. Januar 2014

 

Was Du siehst

Am Baum das Geäst; und einmal im Jahr, wenn im unverhofften Frühwind durch den blütengetränkten Kirschbaum der Wind weht und es schneien lässt. Das ganze Jahr saß ich dort still und reglos auf dem Stein an der Wegkreuzung und habe gewartet ― auf diesen einen, den Augenblick. Reine Sinnlosigkeit, reine Zeitverschwendung, reines Dasein. Mit dem unverständigen Kopfschütteln der regelmäßig vorbeihastenden Passanten konnte ich gerade noch umgehen, aber dass das kleine Mädchen mit dem Hund beim Spazierengehen mich zunehmend komisch fand, damit hatte ich es schwer, bis ich bemerkte, dass die Gasse an der ich saß, mit ihren versprengten Blatt- und Blütenresten einen Besen gut gebrauchen konnte. So wurde das regelmäßige Fegen zu meiner Aufgabe, bis der nächste Blütenregen dann kommen würde. Die Gasse dankte es dafür, dass da jemand leicht und offen und freundlich für Ordnung sorgte, ohne dass es schien, als sei ihm dies so eminent wichtig, denn das dahinterliegende Geheimnis - was bis auf das Mädchen mit dem Hund niemand wusste - ... es war die Erfüllung der Zeit der Dauer für das bestimmte und einmalige Blütenregenereignis, die ich in der Gasse so voll-des-Sinns-gelöst-heit verbrachte.

 

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